Blind beim Camping, ist das eine Option?

Blind beim Camping, ist das eine Option?

3. Juli 2021 0 Von Frauke von Clever unterwegs

Camper-Interview

Neulich bekam ich eine E-Mail von Marcel. Und was er zu erzählen hat, finde ich einfach interessant, weil es uns das Camping mit dem Kastenwagen aus einer ganz anderen Perspektive zeigt. Lasst euch entführen in eine andere Welt mit einer anderen Wahrnehmung. In eine Welt ohne Licht, in der Camping genauso viel Spaß macht wie in allen anderen Welten. In der es aber auch ein paar Besonderheiten gibt. Ich habe ein Interview mit ihm gemacht. Unser Thema: blind beim Camping.

Marcel, erzähl uns doch mal ein bisschen, wer du bist!

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Ich bin seit fast vier Dekaden auf der Welt, aus dem wunderschönen Südbaden in der Nähe von Freiburg. Neben unserem eigenen Bauernhof habe ich noch eine kleine IT-Firma, konzentriere mich aber inzwischen auf mein Hobby, was ich jetzt auch zum Beruf gemacht habe: das Verkaufen und Verarbeiten von Brennholz. Dies beginnt mit dem Sägen der Bäume im Wald mit der Kettensäge und endet kleingesägt und gespalten beim Kunden.

Blind beim Camping, geht das überhaupt?

Hier auf unserem Hof lebe ich, absolut zufrieden mit meinem Leben, mit meiner Frau Katrin, unseren vier Hunden, ein paar Katzen und einem Teil meiner Familie. OK, eine Kleinigkeit habe ich euch noch unterschlagen, ich bin blind.
Schreckmoment überwunden? Super, dann geht’s weiter!

Frauke macht mit mir dieses Interview, da ich auf sie zugekommen bin, weil es beim Camping einige Probleme für blinde Menschen gibt, die einem als sehendem nicht in den Sinn kommen würden. Und da ich bis vor einigen Jahren noch gesehen habe, weiß ich, wovon ich rede.

Camper der ersten Stunde

Zum Camping kam ich schon recht früh, meine große Schwester war schon immer campingbegeistert und so konnte ich als Kind auch schon die Campingluft in Italien schnuppern. Dann habe ich natürlich auch oft mit Freunden gezeltet und so weiter. Mit dem Alter und dem Interesse an Musik war ich dann (und bin es noch heute) ein begeisterter Festivagänger, was mit Zelt in jüngeren Jahren immer super war.

Aber man bleibt nicht ganz jung, Aus der Isomatte im Zelt wurde die Luftmatratze, dann das Feldbett, dann das Zelt durch einen Wohnwagen ersetzt und letztes Jahr haben wir unseren Camper angeschafft. Da Kathi immer alleine, aus oben genanntem Grund, das Autosteuer übernehmen muss (keiner mag mir einen Führerschein geben… 🙂 ) stand die Anschaffung eines neuen Wohnwagens gar nicht zur Debatte, da sie das Fahren mit 80 Stundenkilometer einfach sehr ermüdend findet.

Was für einen Camper hast du und warum?
Wir haben einen Clever Celebration 600 BJ 2020. Für uns war klar, dass es ein Kastenwagen sein soll, da man mit dieser Größe auch noch gut durch kleinere Ortschaften kommt, das Freistehen damit einfacher ist und uns der Platz ausreichen wird. Wichtig war, dass er hoch genug ist, so dass man bequem darin stehen kann.

Unterwegs im Clever Celebration

Wir haben uns erst bei ein paar Händlern umgeschaut, vor allem haben wir uns auch Pössl angeschaut, aber Pössl hatte uns von der Aufteilung überhaupt nicht zugesagt. Dann hatten wir durch Zufall den Tipp mit Clever bekommen und da bei uns ein Cleverhändler ist, haben wir uns diese auch noch angeschaut.

  • Marcel und seine Frau
  • Marcel mit seinem Hund
  • Clever Celebration von Marcel
  • Marcel und seine Frau unterwegs
  • Marcel Lörz

Wir waren sofort angetan, der Kühlschrank oben eingebaut, das Badezimmer mit einer Lamellentüre, eine wirklich gute Ausstattung und die verwendeten Materialien schienen wertig zu sein. Auch war der Innenraum eher nüchtern, kein Filz an den Wänden, keine Vorhängchen und so, das hat uns richtig gefallen.

Innerhalb von drei Tagen haben wir das Projekt „Camperkauf“ abgeschlossen: Mittwochs die Händler abgeklappert, Donnerstag war Feiertag, Freitag Morgen um 9 für den Clever unterschrieben. Wir haben unsere Entscheidung bis heute nicht bereut, auch wenn ich sagen muss, dass ich mit der Endprüfung des Händlers nicht zufrieden war.

Bei der ersten Übernachtung (natürlich am Tag der Übergabe) mussten wir feststellen, dass unsere Heizung defekt war, das sollte bei einer Endabnahme auffallen. Auch von der Innenaufbereitung waren noch Spuren des verwendeten Putzmittels zu sehen, auch das sollte normal nicht sein.

Probleme mit dem Clever

Die Rollos an manchen Fenstern hatten nicht oben gehalten, ebenfalls ein Punkt der nicht sein sollte. Die Heizung wurde dann nach zwei Wochen von Truma getauscht, die Rollos habe ich selbst eingestellt und jetzt ist alles, wie es sein soll. Mit dem Bodenbelag waren wir ebenfalls nicht zufrieden, dieser war wahnsinnig empfindlich, so dass ich einen Klickvinylboden im ganzen Auto verlegt habe.

Es werden noch ein paar Umbauten folgen, darüber mehr auf meinem Blog.

Was ist das Besondere an deiner Situation?

Wie oben schon kurz gesagt bin ich seit einigen Jahren blind. Für viele klingt blind zu sein unvorstellbar, vermittelt ein Gefühl von Hilflosigkeit, dem Verlust der Selbstständigkeit und der Aufgabe seines bisherigen Lebens.

Blind mit der Kettensäge

Mag vielleicht auch bei manchen so sein, bei mir war es nicht so. Für mich ging alles weiter wie zuvor nur ohne Augenlicht. Ob ich die Kettensäge im Wald schwinge, unser Haus weiter renoviere, die seltene Gelegenheit nutze, ausreiten zu gehen, zu Klettern, meinen geliebten Kampfsport weiterzuführen, oder in einer Disko die tollste Frau meines Lebens kennengelernt zu haben, ich brauche dafür kein Augenlicht.

Ist es verrückt, all diese Dinge zu machen, ohne zu sehen?
Nein! nur weil wir in einer Welt leben, die stark auf das Sehen ausgerichtet ist, wir uns nicht vorstellen können das fast alles auch ohne zu sehen machbar ist, bauen wir uns unsere eigenen Einschränkungen auf, behindern uns selbst beim Erfinden neuer Möglichkeiten, wenn ein Sinn verloren geht und bezeichnen dann ironischerweise die, denen ein Sinn verloren ging, als „Behindert“. Paradox, oder?

Was unterscheidet einen blinden Camper von einem sehenden?
Ein blinder Camper ist sehr auf die Kommunikation mit den anderen Campern angewiesen, da gerade auf einem Campingplatz unter Umständen die Orientierung sehr schwerfallen kann, wenn alles gleich aufgeteilt ist, oder die einzelnen Parzellen nur durch Striche abgetrennt sind.

Blind beim Camping: die Top 5 Probleme

Erzähle uns doch bitte von deinen Top 5 Problemen auf Stell- und Campingplätzen!

  • Zustand der Toiletten:
    Als Sehender geht man in eine Toilette, schaut sie sich an und überlegt, ob man bleibt oder geht. Diese Möglichkeit hast du als Blinder nicht. Du bist darauf angewiesen, dass du jemand fragen kannst, ob diese Toilette benutzbar aussieht.
  • Zustand der Duschen:
    Es gibt Leute, die eine Dusche für das nutzen, für das sie gemacht ist. Dann gibt es Schweine, die die Dusche mit der Toilette verwechseln. In dem Fall der Dusche ist dann die Gefahr groß, in eine menschliche Hinterlassenschaft zu treten, was schon bei einem Hundehaufen echt nicht toll ist, aber barfuß oder mit Badelatschen in einer Dusche einfach nur widerlich. Auch da ist man auf jemand sehenden angewiesen, der für einen der Zustand der Duschen beurteilen kann, denn genau so wie bei der Toilette möchte man einfach nicht mit den Händen nachschauen, ob das Ganze sauber ist.
  • Wasserstellen:
    Leider sind Wasserstellen auf Campingplätzen oft nicht leicht zu finden, auch wenn es relativ einfach wäre, sie auch für Blinde zu kennzeichnen, beispielsweise durch ein kurzes Stück Pflastersteine als Leitlinie im Boden zur Wasserstelle.
  • Zeltschnüre:
    Für Sehende schon manchmal eine Falle, als Blinder doch noch etwas mehr:-)
  • Hundehaufen:
    Ich habe selbst vier große Hunde, verstehe auch, wenn vorne Futter rein kommt, dass es hinten wieder rausfällt. Aber meistens geht hinten an dem Hund noch eine Leine weiter, an deren Ende ein Lebewesen mit einem größeren IQ als der eines Hundes läuft. Diesem Lebewesen sollte es klar sein, dass man das Rausgefallene mit einer Tüte aufsammeln und entsorgen kann.

Mit Augenlicht hat man manchmal Glück und man sieht diese Hinterlassenschaften auf den Wegen, ohne tritt man meistens rein, bemerkt es vielleicht noch nicht einmal und verteilt dann alles im Camper.

Das können Sehende von Blinden lernen

Was können sehende Camper von blinden Campern lernen und warum?

Viele Sehende haben Berührungsängste mit blinden Menschen, das ist beim Camping genau so der Fall wie sonst auch überall. Gerade beim Camping ist das für jemand, der blind ist manchmal nicht ganz einfach. Ein paar Beispiele:

1: Sehender nickt zur Begrüßung oder zum „Guten Morgen Sagen“ einem Blinden zu. Der Blinde wird nicht reagieren und wird gleich als unhöflich abgestempelt. Blind beim Camping, heißt aber nicht unhöflich sein.

2: Sehender spricht jemand anderes an, zum Beispiel mit einer Frage. Der Blinde konnte die andere Person nicht wahrnehmen und beantwortet eventuell die Frage. Dies erscheint in manchen Fällen als Unhöflich oder man fragt sich: „ist der bescheuert“

Wenn man als Blinder etwas sucht, greift man manchmal auf dem Boden rum, aus sehender Sicht ziellos oder geht die Stelle, an der man glaubt, dass es ist, mit den Füßen ab. Dies kommt einem, wenn man nur zuschaut einfach bescheuert oder verwirrt vor.

Was möchte ich mit diesen Beispielen sagen: Schaut über den Tellerrand hinaus, nicht jeder, der verwirrt aussieht, beim Suchen der Wassersäule auf dem Campingplatz ist es auch, vielleicht ist er einfach blind. Scheut euch bei einem Gespräch nicht zu fragen, ob jemand Probleme mit den Augen hat. Eenn jemand nicht darüber reden möchte, wird er es nicht und sollte ihn alleine diese Frage in eine seelische Krise stürzen, sind da noch ganz andere Probleme.

Wenn ihr das Gefühl habt, dass jemand Hilfe brauchen könnte, fragt einfach nach. Sagt derjenige, dass keine Hilfe benötigt wird, akzeptiert das und gut ist. Nichts ist schlimmer als jemand, der einem unbedingt helfen möchte, wenn man überhaupt keine Hilfe braucht.

Ihr werdet mich bestimmt noch auf ein paar Bildern sehen, die ich Frauke zuschicke, wenn ihr mich mal beim Camping irgendwo seht, kommt gerne auf mich zu, wenn ihr Fragen habt setzen wir uns auf ein Bierchen, einen Kaffee oder was anderes zusammen und ihr könnt mich alles fragen.

Alle Fotos: Marcel Lörz

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